Erinnerungen

Die Farbe war braun und ihr Geruch drang durch das ganze Haus. AIs sie dann endlich trocken war, wurde der frisch gestrichene Fußboden mit seinen leicht gewölbten Dielenbrettern mit Zeitungen abgedeckt. Zur Schonung – denn es zogen Mieter ein. Farbe und Zeitungen sind meine ersten Erinnerungen überhaupt. Damals war ich 4 Jahre alt und heute, nach über sechzig Jahren, ist dieser Geruch noch genau so intensiv und das Bild der ausgebreiteten Zeitungen klar und deutlich. Der Mieter, ein junger Lokomotivführer mit Frau und Tochter, blieb 34 Jahre.

Da mein Vater im Krieg gefallen war, hatte ich hier eine Vaterfigur auf die ich stolz war. Denn er war ja schließlich Lokomotivführer. Ein unschätzbarer Vorteil, der mir in der Schule Ansehen verschaffte. Vorteil aber auch für die Familie, denn als Organisator, mit guten Beziehungen versorgte er uns gelegentlich mit einem Stück Wild, das er mit der Lokomotive erfasst hatte und das später in Wald und Flur nach oft mühevoller Suche aufgefunden wurde.

Manchmal durfte ich nach Dienstschluss auf seiner 98er NSU zum ,,Unfallort“ mitfahren, um dort nach Kaninchen oder Hasen zu suchen. Oft genug vergeblich, denn nicht immer war es tatsächlich zu einer Kollision gekommen und nicht immer war ein verletztes Tier aufzufinden und manchmal fand man nur noch Fetzen.

Die 98er NSU hatte es mir angetan. Wenn Herr Alers – Respektperson und Vorbild – nicht zu Hause war, habe ich schon mal versucht, diese ,,riesige“ Maschine zu starten. Heimlich natürlich und aufgebockt. Dröhnender Lärm und stinkender Qualm machten aus mir einen ,,Schumi“, ich war der Allergrößte. Benzingeruch und Motorenlärm erinnern mich noch oft daran. Auch der “Geschwindigkeitsrausch“ bei Tempo 40 bis 50 km/h wurde voll genossen.

Da störte es nicht, dass das Ferkel im Sack auf meinem Schoß pinkelte, denn es war ja der Grund, dass ich mitfahren durfte. Gute Beziehungen zum Bauern verhalfen zu Obst, Gemüse, Kartoffeln und auch Ferkeln, denn damals war man Selbstversorger und ein Schwein hatte jeder im Stall.

Einmal holten mein Opa und ich ein etwas größeres Schwein, einen sog. Läufer aus dem Kirchspiel. Dazu wurde unser Bollerwagen mit Brettern zu einer fahrenden Kiste umfunktioniert. Selbstgebaut natürlich, was sich als Nachteil erwies, denn das Schwein brach aus und lief in Linnenbrinks Büsche. Mein Opa und ich waren zusammen 90 Jahre alt, ich 10 und er 80, da dauerte die Schweinejagd schon etwas länger.

Als gutes Team setzten Opa und ich uns zweimal gegen die Russen durch. Das waren ehemalige Kriegsgefangene, die uns begegneten, als wir zu Weihnachten 1945 einen Tannenbaum besorgten. Sie haben uns zwar nicht bemerkt, aber wenn, dann hätten wir „gekämpft“. Dabei waren diese Männer nett und tauschten selbstgebastelte, mit den Flügeln schlagende Enten gegen Brot.

Ein anderes Mal, auch nach 1945, wurde es schon bedrohlicher. Damals zog eine Menschenschlange mit Bollerwagen – dem Allzweckfahrzeug jener Zeit – zu einem Lager vor der Stadt um-sich unerlaubterweise mit Butter- und Griebenschmalz zu versorgen. Auf dem Rückweg trafen wir auf einen Pulk Russen, der uns den hochbeladenen Wagen abnehmen wollten. Opa hatte sich schon drohend mit seinem Stock aufgebaut und hätte gewiss zugeschlagen, was ihm sicherlich nicht gut bekommen wäre. Zum richtigen Zeitpunkt tauchte jedoch amerikanische Militärpolizei auf und nahm uns in Schutz. Mit einem leeren Bollerwagen kehrten wir heim, Opa enttäuscht und ich als ,,erzählender“ Held.

Butterschmalz gab es noch reichlich, denn fast jeder Haushalt hatte gehortet. Aus dieser Zeit stammt meine tiefe Abneigung gegen Berliner, einem Schmalzgebäck.

Damals roch es in ganz Beckum nach Butterschmalz, denn in jedem Haus wurden Berliner gebacken und alle, die mich und meine Brandwunden im Krankenhaus besuchten, brachten dieses Gebäck mit.

von Hugo Schürbüscher

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