Ein deutsch-russisches Schicksal

92 Jahre, Ur-Ur-Großmutter und ein bemerkenswertes Leben

Am 29. März feiert Frau Ernestina Lier ihren 92. Geburtstag im Kreise ihrer Familie mit 8 Kindern (2 Söhne, 6 Töchter), 16 Enkelkindern, 24 Urenkeln und 1 Ur-Ur-Enkelkind!  Sie erfreut sich noch guter Gesundheit, ist geistig hellwach und hat eine Fülle von unglaublichen Erinnerungen. Für die „Initiative 55+“ war dies ein Anlass, Frau Lier zu besuchen und ihr bereits im Voraus alles Gute zu wünschen. An dem Gespräch haben auch die Tochter von Frau Lier und die Enkelin teilgenommen.

Frau Lier wurde 1925 in Bäckerdorf in der Nähe von Saratow im Wolga Gebiet als 8. von 10 Kindern geboren. Die Vorfahren der Familie waren Ende des 18. Jahrhunderts (hauptsächlich zwischen 1764-1767) unter der Regentschaft von Katharina II. nach Russland gekommen.

Um die Situation der nach Russland ausgewanderten Deutschen besser zu verstehen, haben wir einen kurzen Überblick über die jeweilige politische Situation eingefügt.

Einwanderung

Katharina II. warb vor allem im Ausland um Siedler um die Kolonisation von kaum oder unbewohnten Gebieten zu fördern. Sie stellte diesen eine Reihe von Privilegien in Aussicht: Religionsfreiheit, Befreiung vom Militärdienst, Selbstverwaltung auf lokaler Ebene mit Deutsch als Sprache, finanzielle Starthilfe sowie 30 Jahre Steuerfreiheit. Dieser Sonderstatus der Kolonisten wurde mit dem „Ausgleichungsgesetz“ aus dem Jahre 1871 jedoch allmählich aufgehoben.

Schon in den Jahren 1764–1767 wanderten rund 30.000 Deutsche nach Russland aus. Tausende überlebten die Strapazen, den Hunger und die Krankheiten während der langen Reise nicht. Erst bei der Ankunft wurde vielen klar, was sie erwartete. Weder durften die Handwerker unter ihnen ihren erlernten Beruf in den Städten ausüben, noch durften die Bauern sich selbst den Flecken Erde wählen, an dem sie sich niederließen. Stattdessen wurde der überwiegende Teil ins Wolga Gebiet bei Saratow geführt, in die Steppe, wo alle dazu bestimmt waren, eine landwirtschaftliche Tätigkeit auszuüben.

Zu Beginn mussten die 25.781 Einwohner der 104 neuen Dörfer im Wolga Gebiet eine wahre Pionierleistung erbringen, um zu überleben. Viele überlebten jedoch nicht! Durch Gefangenschaft, Krankheit und Flucht dezimierte sich die Zahl der Siedler allein innerhalb der ersten zehn Jahre um mehr als 7000 Menschen.

Trotz aller Schwierigkeiten machten die Siedler im Wolgagebiet Fortschritte. Bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde ein „bescheidener Wohlstand“ erreicht. Die Ernten wurden besser und die Bevölkerungszahl stieg um ein Vielfaches an.“

Auch Frau Lier‘s Familie war im Laufe der Jahre wohlhabend geworden; sie besaßen eine gut gehende Landwirtschaft, eine Mühle und Pferde. Jedoch gab es keine Assimilation mit den einheimischen Russen. Man lebte in völlig getrennten Dörfern. In der Schule – und auch Zuhause – wurde ausschließlich Deutsch gesprochen. Diese Situation war natürlich langfristig problematisch, man fühlte sich deutsch, lebte aber mehr als zweihundert Jahre in „russischem Umfeld“. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges änderte sich die Situation dann auch sehr zum Schlechten.

„Der „innere Feind“ im Ersten Weltkrieg

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurden die Russlanddeutschen – aus deren Reihen immerhin 300.000 Soldaten in der russischen Armee kämpften – als „potentieller Verräter“ und „innerer Feind“ bekämpft. 1914 verbot der letzte Zar, Nikolaus II. unter anderem den Gebrauch der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit. 1915 gab es in Moskau ein Pogrom gegen Deutsche. Im selben Jahr wurden in Russland deutsche Zeitungen verboten, durften keine deutschsprachigen Bücher mehr gedruckt werden.

Hungerjahre 1921/1922

1917 kam die Oktoberrevolution, mit der das Zarenreich zur Sowjetunion wurde. Das betraf auch die Bauern an der Wolga, sie mussten  Zwangsabgaben leisten, die sogar das Saatgut einschlossen. Wer sich dem widersetzte, wurde als Kulak diffamiert und Opfer der Entkulakisierung (Kulak = im Russischen eine seit dem 19. Jahrhundert verwendete Bezeichnung für relativ wohlhabende Bauern, später bekam der Begriff einen abwertenden  Charakter). Die Dürrejahre (1921–1923) verschärften diese Situation noch weiter und es kam zu einer Hungersnot. 120.000 Russlanddeutsche (48.000 im Wolgagebiet) starben.

Unterdrückung unter Stalin und Hungerkatastrophe 1932/33

Ende 1929 begann Stalin mithilfe von Terror die zwangsweise Kollektivierung der Landwirtschaft durchzusetzen. Dies führte 1932/1933 zu einer weiteren, noch verheerenderen Hungerkatastrophe als 1920/21. Die Angaben der Opfer reichen von 3 bis annähernd 11 Millionen Menschen, unter ihnen befanden sich etwa 350.000 Russlanddeutsche.“

Diese Ereignisse gingen an der Familie nicht spurlos vorüber. 1929 veränderte sich die Situation.  Es machte sich eine antideutsche Stimmung breit. Der Vater kam – da er als „Kulak“ bezeichnet wurde – ins Gefängnis, wo er bis 1933 blieb. Ihnen wurde alles genommen – Haus, Tiere usw. – und sie wurden in ein Steppengebiet bei Saratow umgesiedelt. Es begannen 4 sehr schwere Jahre. Statt in ihrem Haus lebten sie nun in einer kleinen Hütte (Jute), von den 10 Kindern überlebten nur vier. Das jüngste von den vier noch Überlebenden – 1929 geboren – starb 1931. Es war verhungert. Die Familie  musste betteln gehen und Ernestina kam mit 5 Jahren in eine fremde Familie. Dort ging es ihr relativ gut, zumindest musste sie nicht hungern. Bevor der Vater aus dem Gefängnis entlassen wurde, hat ihre Mutter sie zurückgeholt. Die Winter waren eiskalt, es gab kaum etwas zum Heizen, die Wände waren mit Schnee überzogen. Nach der Entlassung des Vaters aus dem Gefängnis kam die Familie in ein russisches Dorf. Dort haben die Kinder Russisch gelernt, die Mutter nicht mehr und der Vater nur ein wenig. In diesem Dorf ist die Familie bis September 1941 geblieben.

Vor dem Zweiten Weltkrieg

Spätestens mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland wurden die Russlanddeutschen wieder als „innerer Feind“ betrachtet. Repressionen und Verhaftungen angeblicher „Spione“ oder „Sowjetfeinde“ nahmen zu.

Deportationen

Nachdem der deutsche Überfall am 22. Juni 1941 die Sowjetunion in den Zweiten Weltkrieg gezogen hatte, begann der Kreml mit der Zwangsumsiedlung fast aller in der Sowjetunion lebenden Deutschen. Sie wurden innerhalb weniger Wochen aus den europäischen Teilen der Sowjetunion nach Osten – vorwiegend Sibirien, Kasachstan und an den Ural deportiert.

Familien wurden auseinandergerissen, die Menschen wurden mit Viehwaggons transportiert und irgendwo in den Steppen Kasachstans „abgekippt“. Wieder andere wurden Kolchosen zugewiesen und mussten dort nach Überlebensmöglichkeiten suchen. Gleichzeitig wurden ihre staatsbürgerlichen Rechte aberkannt und ihr Eigentum bis auf ein geringes Handgepäck eingezogen. Die meisten von ihnen waren im Alter zwischen 14 und 60 Jahren und mussten in Arbeitslagern unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Mehrere Hunderttausend – die nicht ermittelte Zahl schwankt um 700.000 – starben in dieser Zeit vor allem an schlechten Arbeits-, Lebens- oder medizinischen Bedingungen.“

 

Von dieser Umsiedlung war auch die Familie betroffen. Sie kamen nach Kasachstan in ein kleines russisches Dorf. Deutsche waren in dem Dorf nicht beliebt. Der Vater fand jedoch Arbeit in der Landwirtschaft. Ein Bruder wurde mit 22 Jahren verhaftet. Der Grund: Er musste nachts für fremde Bauern Ochsen und Pferde hüten. Da er jedoch kurzsichtig war, hat er die Tiere verloren. Er kehrte nie wieder zurück und man hat nie wieder von ihm gehört. Damit waren von den 10 Kindern der Familie nur noch 2 am Leben. Ernestina wurde 1943 mit knapp 18 Jahren in ein Arbeitslager geschickt nach Nischni Nowgorod. Es waren dort auch deutsche Soldaten in Gefangenschaft. Am 9. Mai 1947 gelang ihr die Flucht aus dem Arbeitslager. Auf abenteuerlichen Wegen gelangte sie wieder zu ihrer Familie nach Kasachstan. 1952 hat sie im Dorf einen Mann wieder getroffen, den sie von früher kannte und ihn bald geheiratet. Er war von 1942 bis 1952 im Gefängnis gewesen.

Aus der Ehe sind 11 Kinder hervorgegangen von denen 3 bereits gestorben sind – 1 Kind bei der Geburt, 1 Kind mit 1 Monat und 1 Sohn mit 43 Jahren. Ihr Vater ist 1965 verstorben und die Mutter 1976 mit 86 Jahren.

    

In den 60er-Jahren begann sich die Situation zu bessern. Sie hatten wieder einen bescheidenen Wohlstand, Landwirtschaft und Tiere. Die Kinder gingen im Dorf in eine russischsprachige  Schule. Auch die Beziehung zu den russischen Dorfbewohnern normalisierte sich. (Dies war jedoch nicht in allen Dörfern oder Städten der Fall. Häufig blieb eine strikte Trennung bestehen). Das Leben war endlich wieder einigermaßen normal. Leider verstarb der Ehemann bereits 1981 mit 59 Jahren.

Ende der 80er-Jahre, als sich das Ende der Sowjet Union (1990 – 1991) abzuzeichnen begann, setzte wieder ein Umschwung ein, eine nationalistische Bewegung mit dem Ziel „Kasachstan nur für Kasachen“. Das Leben im Dorf wurde wieder schwieriger besonders da die wirtschaftlichen Probleme nach Auflösung der Sowjetunion überall deutlich zunahmen. Es gab keine landwirtschaftliche Arbeit mehr und andere Arbeit war auch nicht zu bekommen. So entstand langsam der Gedanke nach Deutschland zu gehen. Als erste kam die jüngste Tochter mit Familie und 2 Kindern 1995 zurück, die anderen 7 Geschwister folgten nach und nach. Sie alle landeten im Auffanglager in Hamm, 7 Kinder leben in Beckum und 1 Tochter in Hamm.

Ernestina wollte ihr Dorf, in dem sie so lange gelebt hatte, eigentlich nicht verlassen. Aber schließlich haben die Töchter sie doch überzeugen können, so dass auch sie am 12. Oktober 1999 mit 2 Töchtern und 1 Enkelin in Beckum eingetroffen ist.

 

Seit 1999 lebt sie nun hier bei ihrer jüngsten Tochter und der Familie. Sie ist glücklich, ihre Lieben um sich zu haben, sie wird wunderbar umsorgt und gepflegt – aber geblieben ist die Sehnsucht nach ihrem russischen Dorf, war es doch für sie Heimat!

von Katharina Reiter